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Augenzeuge aus Gaza: Was dieser Chirurg sah, lässt einen nicht mehr schlafen! Hopf & Kettner #46

22. Juli 2026 · Philip Hopf & Dominik Kettner

Darum geht's in dieser Folge

  • Professor Nick Maynard, britischer Krebschirurg und Oxford-Professor, berichtet als Augenzeuge über seine chirurgischen Einsätze im Gazastreifen und die psychische Belastung durch das Erlebte.
  • Er schildert das systematische Verhungern von Kindern – darunter das sieben Monate alte Baby Zab, das im Nasser-Krankenhaus starb, nachdem israelische Soldaten Säuglingsnahrung an der Grenze konfisziert hatten.
  • Maynard dokumentiert ein Muster gezielter Schussverletzungen bei Kindern an Lebensmittelverteilungsstellen – tageweise auf Kopf, Bauch oder Genitalien gerichtet – und bezeichnet dies als vorsätzliche „Zielübungen".
  • Er übergibt regelmäßig Beweise an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und kritisiert westliche Regierungen – darunter die britische und die deutsche – als mitschuldig, da sie trotz vorgelegter Dokumentation untätig blieben.
  • Trotz der Schrecken hebt Maynard die Menschlichkeit und Widerstandskraft der Bevölkerung in Gaza hervor und erzählt die bewegende Geschichte seiner „Gaza-Tochter" Enas, die Teil seiner Familie wurde.
  • Als konkrete Forderungen nennt er den vollständigen Abzug des israelischen Militärs, die Aufhebung der Blockade für Hilfsgüter sowie uneingeschränkten Zugang für medizinisches Fachpersonal aus aller Welt.

Ein Chirurg berichtet aus Gaza: Das Gespräch mit Professor Nick Maynard

In dieser Folge sprechen Philip und Dominik mit Professor Nick Maynard, einem britischen Krebschirurgen und Oxford-Professor, der seit 2010 regelmäßig nach Gaza reist und dort unter extremsten Bedingungen operiert. Sein Interview mit Tucker Carlson hatte bereits Millionen Menschen erschüttert – nun schildert er im Detail, was er mit eigenen Augen gesehen hat.

Wie hält ein Mensch das aus?

Die erste Frage, die Philip stellt, ist die naheliegendste: Wie kann jemand so ruhig über derart Schreckliches sprechen? Maynard erklärt, dass seine Ausbildung als Krebschirurg ihn gelehrt hat, im Moment zu funktionieren – abzuschalten und seine Arbeit zu machen. Doch die Verarbeitung danach sei ein täglicher Kampf.

Obwohl ich nach außen hin sehr ruhig wirke, wenn ich darüber spreche, werde ich innerlich sehr emotional. Bei vielen Gelegenheiten hatte ich Mühe, nicht zu weinen, hatte Mühe, meine Worte herauszubringen.

Für Maynard ist das Sprechen über das Erlebte gleichzeitig Therapie und Qual – ein zweischneidiges Schwert, weil jedes Gespräch die Erinnerungen an getötete Kinder, die er persönlich kannte, wieder lebendig werden lässt.

Kinder, die vor seinen Augen verhungern

Bei jeder seiner Reisen nach Gaza seit Weihnachten 2023 hat sich die Unterernährung verschlimmert. Maynard beschreibt den Fall von Baby Zab – einem sieben Monate alten Mädchen, das er täglich auf der pädiatrischen Intensivstation besuchte. Das Baby war zu schwach zum Trinken, es gab keinerlei Säuglingsnahrung im Krankenhaus. Er sah ihr buchstäblich beim Sterben zu.

Vier Tage vor ihrem Tod brachten amerikanische Ärzte Säuglingsnahrung für vier Babys mit – nur um dann von israelischen Soldaten an der Grenze sämtliche Behälter wieder abgenommen zu bekommen. Jede einzelne Flasche.

Das Problem geht weit über den Hunger hinaus: Patienten kommen bereits unterernährt ins Krankenhaus, erleiden massive Explosions- oder Schussverletzungen, und es gibt keine Nahrung, um ihre Genesung zu unterstützen. Kinder sterben nicht an ihren Verletzungen, sondern weil ihr Körper sich ohne Nährstoffe nicht erholen kann.

Gezielte Schüsse auf Kinder – das Muster der „Zielübungen"

Was Maynard über die Verletzungsmuster berichtet, ist schwer zu ertragen. An den Lebensmittelverteilungsstellen der sogenannten Gaza Humanitarian Foundation – von den USA und Israel eingerichtet – beobachtete er systematische Erschießungen von Jugendlichen:

  • An einem Tag kamen 19 Teenagerjungen ein, alle ausschließlich in Kopf und Hals getroffen
  • An einem anderen Tag alle in den Bauch geschossen
  • Wieder an einem anderen Tag in die Brust
  • An einem Tag wurden vier Jungen eingeliefert, die ausschließlich in die Hoden geschossen worden waren
Das Verletzungsmuster war so dramatisch, dass es für uns unvorstellbar war, dass es sich um einen Zufall handeln könnte. Es kann nur Absicht gewesen sein – deshalb sprechen wir davon als einem Zielübungsspiel.

Diese Befunde wurden im British Medical Journal veröffentlicht. Verletzungsmuster durch hochenergetische Raketen, die bisher nur bei Soldaten im Kampf dokumentiert wurden, treten hier bei Kindern, Frauen und Zivilisten auf.

Leben im Krankenhaus – unter Dauerbeschuss

Maynard und sein Team wohnen mittlerweile direkt in den Krankenhäusern, weil die Fahrten zu gefährlich geworden sind. Zwölf Personen schlafen in einem Raum, manche in Etagenbetten, manche auf dem Boden. Eine Dusche und eine Toilette für 20 bis 30 Personen. Kaum Essen, weil die israelische Blockade die Versorgung fast vollständig unterbindet.

Bombeneinschläge kommen bis auf 200 Meter heran. Die Fenster müssen permanent offen bleiben, damit sie nicht zerspringen. Bei einem Angriff auf das Nasser-Krankenhaus im Oktober 2025 stürzte Maynard selbst durch die Erschütterung des Gebäudes und zog sich eine Kopfverletzung zu.

Es gibt keinen Waffenstillstand

Maynard stellt unmissverständlich klar: Der vermeintliche Waffenstillstand existiert nicht. Das israelische Militär habe die Bestimmungen in den letzten Monaten über 2.000 Mal verletzt. Über tausend Zivilisten seien seit dem offiziellen Waffenstillstand getötet worden, darunter fast 300 Kinder. Israel besetzt weiterhin über 60 Prozent des Gazastreifens, anderthalb Millionen Menschen sind auf engstem Raum zusammengepfercht.

Die Welt glaubt, es gäbe einen Waffenstillstand, aber es gibt keinen. Jeden einzelnen Tag erhalte ich Meldungen über getötete Menschen.

Systematische Zerstörung des Gesundheitssystems

Fast 2.000 Beschäftigte im Gesundheitswesen wurden getötet – 75 pro 100.000 Einwohner, verglichen mit 0,8 im Ukraine-Krieg. Maynard sieht darin keine Kollateralschäden, sondern eine bewusste Strategie:

Die Zerstörung des Gesundheitssystems gehört zu den Kernpunkten der israelischen Politik. Wenn es kein funktionierendes Gesundheitssystem gibt, werden die Menschen am Ende weg wollen. Das ist die ethnische Säuberung des Gazastreifens.

Rund 300.000 bis 350.000 Menschen in Gaza leiden an chronischen Krankheiten – Krebs, Nierenversagen, Diabetes, Herzerkrankungen – die seit über zwei Jahren kaum behandelt werden können. Dialysegeräte wurden zerstört, Medikamente kommen nicht in ausreichender Menge an.

Keine Hamas-Kommandozentralen in Krankenhäusern

Auf die Frage, ob er in den Krankenhäusern jemals Anzeichen von Hamas-Aktivitäten gesehen habe, antwortet Maynard eindeutig: Nein. Niemals. Er kennt das Al-Shifa-Krankenhaus in- und auswendig, hatte uneingeschränkten Zugang zu allen klinischen Bereichen – und hat dort nie militante Aktivitäten beobachtet. Kein einziger seiner Kollegen habe dergleichen gesehen.

Die Israelis haben, obwohl sie unaufhörlich darüber reden, niemals auch nur annähernd glaubwürdige oder überprüfbare Beweise vorgelegt. Wir hingegen haben die Beweise geliefert.

Der Weg über Den Haag – und der Druck der USA

Maynard hat den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag dreimal besucht und jeweils mehrtägig Beweismaterial vorgelegt. Der Gerichtshof hat Netanyahu und Galant angeklagt, sammelt aber weiterhin Beweise. Gleichzeitig stehen die Ermittler unter enormem Druck durch die USA, die mit Sanktionen gegen jeden drohen, der die Israelis juristisch belangen will.

Ob Netanyahu jemals zur Rechenschaft gezogen wird? Maynard ist sich nicht sicher, hofft aber von ganzem Herzen darauf. Die regelbasierte internationale Ordnung sei durch die Ereignisse der letzten Jahre massiv beschädigt worden.

Westliche Regierungen wissen Bescheid – und tun nichts

Maynard hat die Beweise persönlich britischen Spitzenpolitikern vorgelegt. Wes Streeting sei sichtlich schockiert gewesen und habe die Unterlagen an jeden Kabinettsminister weitergeleitet. Geändert hat sich trotzdem nichts – Waffenlieferungen gehen weiter, RAF-Aufklärungsflüge über Gaza von Zypern aus werden weiter durchgeführt, Sanktionen bleiben aus.

Die Begegnung mit Keir Starmer beschreibt Maynard als besonders ernüchternd:

Ein völlig ausdrucksloser Gesichtsausdruck. Er saß weit von der Kamera entfernt, sein Gesicht war kaum zu erkennen. Jedes Mal, wenn wir unsere Aussage machten, sagte er einfach nur „Vielen Dank" und fuhr dann fort. Keine Reaktion. Gar nichts.

Über die deutsche Regierung sagt Maynard knapp: Sie seien die Letzten, die etwas sagen, und die Ersten, die Waffen liefern. Er war persönlich in Berlin und hat der Bundesregierung die Beweise vorgelegt.

Die Menschen von Gaza

Trotz all dem Grauen spricht Maynard mit tiefer Zuneigung über die Menschen in Gaza. Er erzählt von Enas, einer ehemaligen Medizinstudentin, die zu einer Art Gaza-Tochter für ihn und seine Frau geworden ist. Als Enas heiratete und ihre Eltern nicht ausreisen konnten, bat ihr Vater Maynard, sie zum Altar zu führen.

Er erzählt, wie Enas' Familie bei einem Krankenhausbesuch – selbst bereits neunmal vertrieben, die Namen und Geburtsdaten auf die Beine ihrer Kinder geschrieben für den Fall ihres Todes – sich vor allem um ihn sorgte. Ob er genug zu essen habe. Ob für ihn gesorgt werde.

Sie sind die schönsten und liebenswertesten Menschen, die ich auf dieser Welt kennengelernt habe. Wir müssen auch über das Beste der Menschheit sprechen, das ich da draußen gesehen habe.

Drei Forderungen

Auf die Frage nach konkreten Maßnahmen nennt Maynard drei Punkte:

  • Vollständiger Abzug des israelischen Militärs aus Gaza und ein echter, dauerhafter Waffenstillstand
  • Vollständige Aufhebung der Blockade – uneingeschränkter Zugang für die Hunderte Lastwagen, die mit Lebensmitteln, Medikamenten und lebenswichtigen Gütern auf Einlass warten
  • Uneingeschränkter Zugang für medizinische Fachkräfte aus aller Welt, um das Gesundheitssystem wiederzubeleben

Die Familie hinter dem Mann

Philip fragt zum Schluss nach dem, was viele sich fragen: Wie hält seine Familie das aus? Maynard spricht mit großer Dankbarkeit über seine Frau Fenula und seine Kinder. Ohne ihre Unterstützung hätte er das alles nicht geschafft. Vor jeder Reise spricht er mit ihnen, holt sich ihren Segen. Seine Frau habe nie versucht, ihn davon abzuhalten – obwohl sie es besonders schwer hat, wenn die Telekommunikationsverbindungen ausfallen und sie nicht weiß, ob er noch lebt.

Sie hat nie versucht, mich davon abzuhalten, hinzugehen. Das ist ein bemerkenswertes Zeugnis ihres Mutes.