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Staatsfeind Nr. 2: Diesen Comedian wollten sie mundtot machen! Hopf & Kettner #43

12. Juli 2026 · Philip Hopf & Dominik Kettner

Darum geht's in dieser Folge

  • Nikolai Binner erzählt, wie er während der Corona-Pandemie als einer der ersten Comedians kritische Witze machte und dafür von Agenturen, Bühnen und sogar einem Waffelladen in Berlin mit Hausverboten belegt wurde.
  • Zwei konkrete Jokes – einer über Biogas in KZs und einer über „Impfen macht frei" – führten zu Anzeigen, dem Rauswurf aus seiner Agentur und der Absage seiner Nightwash-Tour wegen „politisch extremer Äußerungen".
  • Vergleich mit der US-Comedy-Szene: In Amerika zähle nur, ob ein Comedian witzig ist – nicht seine politische Haltung; in Deutschland gebe es durch Gatekeeper wie öffentlich-rechtliche Sender und wenige Agenturen massive Einschränkungen der Meinungsfreiheit.
  • Binner beschreibt, wie er sich nie als rechts bezeichnete, aber durch seine Haltung zu Migration und Corona unfreiwillig in die „rechte Bubble" geriet – und reflektiert kritisch über Opferrolle und Galgenhumor in dieser Szene.
  • Scharfe Kritik an deutschen Auswanderern nach Dubai, die behaupten, „die Matrix gehackt" zu haben – laut Binner seien sie die größten Verlierer, weil sie sich aus einem der schönsten Länder der Welt haben rausekeln lassen.
  • Trotz aller Widerstände hat Binner zwei Solo-Programme („Grenzgang" und „Speerspitze") produziert, tritt in der englischsprachigen Szene auf und will sich künftig wieder stärker auf alltägliche Beobachtungen statt rein politische Themen konzentrieren.

Staatsfeind Nr. 2: Nikolai Binner über Cancel Culture, Comedy-Grenzen und das Recht auf schlechte Witze

Nikolai Binner – Standup-Comedian, während der Corona-Pandemie gecancelt, mit Hausverboten auf Open Mics in ganz Berlin belegt und sogar aus einem Waffelladen verbannt. In dieser Folge sitzt er bei Philip und Dominik und erzählt, wie man als Comedian in Deutschland zum Staatsfeind werden kann, ohne jemals etwas Illegales getan zu haben.

Vom Open Mic zum Abschuss: Wie alles begann

Nikolai startete 2016/2017 in der deutschen Comedy-Szene, arbeitete sich durch die Berliner Open-Mic-Szene hoch, veranstaltete eigene Shows, auf denen auch bekannte Namen wie Salim Samatou auftraten. Er war bei einer der größten Comedy-Agenturen Deutschlands unter Vertrag und für die Nightwash-Tour gebucht. Dann kam Corona – und Nikolai machte den Mund auf.

Der Wendepunkt war absurd konkret: Der Wendler teilte eines seiner Videos. Fünf Minuten später rief sein Agenturchef an – nicht um zu gratulieren, sondern um ihm die Pistole auf die Brust zu setzen: Entweder entschärfen oder raus aus der Agentur. Nikolai entschied sich für seine Überzeugung.

Salim hat mir mal gesagt: „Dicker, hättest du deine Videos ein Dreivierteljahr später gemacht, wärst du jetzt ein Volksheld."

Die zwei Witze, die alles veränderten

Es waren konkret zwei Jokes, die Nikolai den Kopf kosteten. Der erste: „Der einzige Unterschied zwischen den Faschisten von heute und damals ist – die Faschisten von heute hätten damals in den KZs Biogas benutzt, ums Klima zu schützen." – Dafür wurde er angezeigt.

Der zweite bezog sich auf die Kunstinstallation am Düsseldorfer Fernsehturm, wo während der Lockdowns „Impfen = Freiheit" in riesigen Buchstaben projiziert wurde. Nikolai spielte die offensichtliche historische Assoziation aus, die auf dem Boden lag – eine low hanging fruit, wie er selbst sagt, die er unter normalen Umständen als zu billig empfunden hätte. Aber weil er wusste, dass sie jeder sah und niemand pflücken würde, tat er es.

„Das war eine Zeit, da haben Leute vom Ethikrat ernsthaft vorgeschlagen, wir sollten Ungeimpfte nicht behandeln in Krankenhäusern. Ihr findet, ich bin politisch extrem? Ich dachte, es ist politisch extrem, darüber zu reden, ob man gewissen Leuten eine Behandlung verbieten soll."

Die Gatekeeper der deutschen Comedy

Nikolai beschreibt ein System, das vielen nicht bewusst ist: Die deutsche Comedy-Szene wird von wenigen Agenturen und den öffentlich-rechtlichen Sendern kontrolliert. Wer dort nicht reinkommt, hat kaum eine Chance auf die große Bühne. Und diese Gatekeeper haben eine klare politische Linie.

Die Konsequenz: Eine E-Mail von der Nightwash-Tour – „Wir können dir die Tourspots nicht mehr anbieten wegen den politisch extremen Äußerungen auf deinen Social Media." Gleichzeitig konnte eine Kollegin auf derselben Bühne Witze über Napalm auf Dresden machen – ohne jede Konsequenz.

Nikolai betont dabei etwas Bemerkenswertes: Er verteidigt diese Kollegin. Ihre Intention war, witzig zu sein, und als Comedian hat sie jedes Recht, in diese Richtung zu gehen. Die Doppelmoral liegt nicht im Joke selbst, sondern darin, wer welche Witze machen darf, ohne dafür bestraft zu werden.

Hausverbot in ganz Berlin – und im Waffelladen

Die Situation eskalierte so weit, dass Nikolai auf praktisch allen Berliner Open Mics Hausverbot bekam. Nicht von einem einzelnen Oberboss, sondern durch eine Eigendynamik in der Szene, die sich synchronisiert hat. Die sogenannte Stage Time – die Bühnenzeit, die jeder Comedian braucht, um Material zu testen und zu schleifen – wurde ihm systematisch entzogen.

Selbst sein Stamm-Waffelladen in Prenzlauer Berg setzte ihn vor die Tür. Nikolai hatte dort monatelang Schwarztee getrunken und Waffeln gegessen, obwohl die Eingangstür mit Anti-AfD-Stickern und Regenbogenflaggen gepflastert war. Das störte ihn nicht. Als die Besitzerin dann aber seine Videos entdeckte, war Schluss.

„Mich stört das nicht, dass sie ihre Antifanten-Bums macht. Ich gebe dir sogar mein Geld. Mir ist scheißegal, wie du politisch denkst. Ich finde den Laden angenehm, ich mag deine Waffeln. Aber sie konnte das umgekehrt nicht."

Für Philip und Dominik ist das die perfekte Illustration eines größeren Phänomens: Diejenigen, die sich als die Toleranten darstellen, sind in der Praxis oft die Intolerantesten.

Comedy als Handwerk – und als Psychologie

Ein großer Teil des Gesprächs dreht sich um die Mechanik von Comedy selbst. Nikolai erklärt, warum Bühnenzeit unverzichtbar ist: Witze werden nicht am Schreibtisch fertig, sondern gemeinsam mit dem Publikum geschliffen. Das Publikum ist der Resonanzraum – ohne es bleibt jeder Witz nur eine Idee ohne Ton.

Er beschreibt die Technik der Spannungsaufbau und -auflösung: Gezielt unangenehme Dinge sagen, das Publikum in die Enge treiben, bis sie innerlich betteln „Bitte mach, dass es jetzt witzig wird" – und dann die Spannung zum Platzen bringen. Je größer die aufgebaute Spannung, desto härter der Lacher.

Selbst Louis C.K. bombt nach jeder Solotour absichtlich 20 Minuten lang auf Open Mics, um die Vorschusssympathie des Publikums zu neutralisieren, bevor er neues Material testet. Jimmy Carr disst Behinderte in der ersten Reihe – und kommt damit durch, weil er too big to fail ist und die Energie halten kann.

Die Gretchenfrage: Was darf Comedy?

Nikolais Antwort ist klar:

„Erstmal ist alles erlaubt. Was zählt, ist die Intention – die Intention, witzig zu sein und das zumindest zu versuchen."

Ein Comedian, der einen Pädophilen-Witz macht und damit bombt, ist nicht kriminell – er hat nur einen schlechten Witz gemacht. Aber genau diese Bereitschaft, in Richtungen zu gehen, die Mut erfordern, trennt die Guten von den Mittelmäßigen. Die besten Comedians sind die, die auf Open Mics am heftigsten reinscheißen.

USA vs. Deutschland: Ein komplett anderer Korridor

Nikolai war 2023 in Texas, um sich die amerikanische Comedy-Szene anzuschauen – unter anderem rund um Joe Rogans Comedy Club. Sein Fazit: In den USA ist es den Comedians völlig egal, wie der andere politisch denkt. Links, rechts, unpolitisch – der einzige Gradmesser ist: Sind die Witze gut oder nicht?

Der fundamentale Unterschied geht aber tiefer als nur Szene-Kultur. Philip und Nikolai diskutieren, dass Deutschland faktisch keine vollständige Meinungsfreiheit hat – bestimmte historische Themen sind gesetzlich tabu. Amerikanische Comedians reagierten fassungslos, als Nikolai ihnen erklärte, dass man in Deutschland für bestimmte Aussagen ins Gefängnis kommen kann. Das Beispiel Nick Fuentes zeigt den Kontrast: In den USA kann jemand Dinge sagen, die in Deutschland sofortige Strafverfolgung nach sich ziehen würden.

Nikolai wich nach seinem Berliner Rauswurf auf die englischsprachige Open-Mic-Szene aus – wo der Skandal schlicht nicht so angekommen war und man ihn meistens auftreten ließ, weil er auf der Bühne funktionierte.

Kanye West und die Tür, die keiner mehr schließen kann

Philip bringt Kanye West als die vielleicht interessanteste Feldstudie des 21. Jahrhunderts ins Spiel. Ein Mann, der Songs rausbringt, die zensiert werden müssen, der bei Alex Jones sitzt und sagt „There's a lot of things I love about Hitler" – und der trotzdem weltweit die größten Stadien ausverkauft. Mehr Tickets als jemals zuvor.

Kanye hat eine Tür aufgetreten, die niemand mehr schließen kann. Er hat das Unmögliche möglich gemacht: alles getan, wofür man normalerweise für immer gecancelt wird – und trotzdem den größten Welterfolg eingefahren.

Die „rechte Bubble" und das Dilemma der Gesinnungsfans

Nikolai gibt offen zu: Er hätte sich nie als rechts bezeichnet. Durch seine Haltung zu Migration und Corona ist er in diese Bubble hineingerutscht – nicht hineingewählt. Und er hat eine differenzierte Sicht auf diese Bubble:

„Da gibt's echt unangenehme Menschen. Wutbürger, die sich den ganzen Tag beschweren und keine persönliche Verantwortung übernehmen. Die AfD wird's richten – aber dann haben sie selber nichts gemacht."

Er beschreibt das Phänomen der Gesinnungsfans: Leute, die nicht kommen, weil sie Comedy lieben, sondern weil sie jemanden suchen, der ausspricht, was sie denken. „Endlich sagt's mal einer" – ein Satz, den Nikolai hasst, weil er nicht der Grund ist, warum er Comedy macht. Die Galgenhumor-Energie dieser Bubble beschreibt er als therapeutisch verständlich, aber künstlerisch limitierend.

Sein Appell geht tiefer: Die Deutschen wollen immer jemanden, der es richtet, damit sie selbst im Alltag nicht mutig sein müssen. Statt dem Arbeitskollegen mal zu widersprechen, wenn der einen Refugees-Welcome-Vortrag hält, schlucken sie den Frust runter und setzen alle vier Jahre ein Kreuz. So funktioniert keine Gesellschaft.

Auswandern ist kein Matrix-Hack

In einer leidenschaftlichen Passage zerlegt Nikolai den Mythos der Auswanderer-Influencer, die sich als Matrix-Hacker inszenieren:

„Du bist vom Land mit Bergen, Meer und einer jahrtausendealten Kultur in die fucking Wüste gegangen und fährst jetzt Schlittschuhe im Sommer in der Shopping Mall. Okay, du Gewinner."

Seine These: Wer auswandert, ist nicht automatisch der Gewinner. Die Matrix hat es geschafft, dir dein eigenes Land so madig zu reden, dass du als Leistungsträger freiwillig gegangen bist. Du hast dich deiner Kultur berauben lassen. Auswandern ist absolut okay – aber es als einseitigen Triumph zu verkaufen, blendet die andere Seite komplett aus.

Philip, selbst in die Schweiz ausgewandert, stimmt zu – und beschreibt die Schweiz als „Deutschland vor 25 Jahren": sicher, sauber, konservativ. Nikolais trockener Kommentar dazu: „Die Schweiz ist einfach nur Deutschland mit Titten."

Grenzen sind überall

Zum Schluss landen alle drei bei einer Grundsatzfrage: Grenzen. Nikolais Argument ist so simpel wie schlagend:

„Sag mal den Leuten, die sich über Grenzen aufregen: Bau deine Haustür bitte weg. Was soll diese imaginäre Grenze? Da kannst du den grünsten Linken nehmen – der wird seine Haustür nicht rausnehmen."

Grenzen existieren überall – zwischen Ländern, zwischen Häusern, zwischen Musiknoten, zwischen Körpern. Jedes Volk hat seinen Platz, jedes Löwenrudel sein Revier. Das zu sagen ist keine Ideologie, sondern eine Beobachtung, die in jedem anderen Kontext als selbstverständlich gelten würde.