„Der Tisch gehört nicht mehr uns“: China übernimmt die Weltordnung! Hopf & Kettner 63
30. September 2026 · Philip Hopf & Dominik Kettner
Darum geht's in dieser Folge
- Chinas Wiederaufstieg zur Weltmacht: Als einzige Nation der Geschichte hat es China geschafft, zum zweiten Mal zur globalen Supermacht aufzusteigen – angetrieben durch die Sonderwirtschaftszone Shenzhen, die in 40 Jahren vom Bauerndorf zum neuen Silicon Valley wurde.
- Das Ende der westlichen Dominanz: Die multipolare Weltordnung löst die Ära ab, in der die Minderheit des Westens die globalen Spielregeln diktierte – Frank Siren vergleicht diesen Umbruch mit dem Machtverlust des Adels gegenüber dem Bürgertum im 19. Jahrhundert.
- Der Autoschock für Deutschland: China bestimmt inzwischen Richtung und Tempo der Automobilindustrie, während deutsche Hersteller hinterherlaufen – selbst chinesische Käufer bevorzugen aus nationalem Stolz heimische Marken wie BYD gegenüber BMW oder Mercedes.
- Diplomatie statt Konfrontation: Die Scholz-Regierung habe sich durch Gesprächsverweigerung und China-Bashing ins diplomatische Abseits manövriert – im Gegensatz zu Pragmatikern wie Helmut Schmidt, die auch mit Gegnern den Dialog suchten.
- KI-Wettlauf auf Augenhöhe: Im Rennen um Künstliche Intelligenz liefern sich USA und China ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wobei chinesische Unternehmen wie Huawei mit weniger Mitteln vergleichbare Ergebnisse erzielen und durch Open-Source-Strategien westliche Geschäftsmodelle unter Druck setzen.
- Europa als Freizeitpark oder Reformprojekt: Ohne tiefgreifende Reformen und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit drohe Europa zum Touristenziel für erschöpfte Asiaten zu werden – die Demokratie müsse effizienter werden, statt sich in Bürokratie und ideologischen Scheuklappen zu verlieren.
China ist zurück – und der Westen hat es verschlafen
Was weiß der Westen wirklich über China? Deutlich weniger, als er glaubt. Frank Sieren, seit 1994 in Peking lebend und einer der profiliertesten Chinakenner im deutschsprachigen Raum, liefert in diesem Gespräch mit Philip und Dominik eine schonungslose Bestandsaufnahme – über den Aufstieg Chinas, die Selbsttäuschung Europas und eine Weltordnung, die sich gerade fundamental verschiebt.
Der Tisch gehört nicht mehr dem Westen
Frank Sieren zeichnet ein Bild, das unbequem ist: Die Epoche, in der eine westliche Minderheit die Spielregeln für die Mehrheit der Welt bestimmen konnte, geht zu Ende. Was sich im 19. Jahrhundert zwischen Adel und Bürgertum abspielte – der Machtverlust einer kleinen Elite zugunsten breiterer Mitbestimmung – wiederholt sich jetzt auf globaler Ebene.
Früher hat uns der Tisch gehört, den Westen. Wir haben bestimmt, wer da sitzt und wir haben auch bestimmt, wer was sagen darf. Heute ist das nicht mehr so. Der Tisch gehört nicht mehr uns, da sitzen andere.
Donald Trump spielt in diesem Szenario möglicherweise die Rolle eines modernen Napoleon – einer, der sich noch einmal aufbäumt, aber am Ende nur beschleunigt, was ohnehin kommt. Beim Treffen zwischen Xi Jinping und Trump wurde die neue Realität sichtbar: eine Pattsituation zweier Weltmächte, in der Amerika China nicht mehr einfach herumschubsen kann.
Chinas historisch einmaliger Wiederaufstieg
China ist die einzige Weltmacht der Geschichte, die es geschafft hat, zweimal an die Spitze aufzusteigen. Bis 1830 hielt China noch rund 30 Prozent Anteil an der Weltwirtschaft. Dann verschlief das Reich der Mitte die industrielle Revolution – mit katastrophalen Folgen: Wirtschaftskrise, Hungersnöte, Aufstände, der Zusammenbruch des Kaiserreichs.
Der Wendepunkt kam mit Deng Xiaoping, der nach Maos Tod eine bittere Wahrheit aussprach: China ist so heruntergewirtschaftet, dass es Hilfe von außen braucht – ausgerechnet von den „Kapitalisten" und „Imperialisten". 1980 begann die Öffnungspolitik mit einem abgesperrten Gelände an der Grenze zu Hongkong. Dort lebten damals 30.000 Bauern. Heute steht dort Shenzhen – 25 Millionen Einwohner, das neue Silicon Valley, das laut Genfer Patentbehörde das Original bereits als Innovationszentrum überholt hat.
Der entscheidende Sprung: China hat den Übergang von der Fabrik der Welt zur innovativen Weltmacht geschafft. Genau das, was der Westen dem Land jahrzehntelang nicht zugetraut hat.
Wir haben ja lange gesagt, die Chinesen können klauen, kopieren, nachbauen, auch gut bauen, was wir ihnen zeigen, aber sie sind nicht innovativ. Da haben wir uns die Welt schön geredet.
Der Autoschock – und was er wirklich bedeutet
Das greifbarste Beispiel für den Paradigmenwechsel ist die Autoindustrie. China bestimmt inzwischen Richtung und Geschwindigkeit der globalen Automobilität. Deutsche Hersteller rennen einer Entwicklung hinterher, die sie nicht mehr kontrollieren. Selbst wenn ein neuer Audi qualitativ mithalten kann – die Chinesen kaufen ihn nicht mehr. Deutsche Autos stehen für die Zeit, als China der Lehrling war. Chinesische Autos stehen für den Wiederaufstieg.
Es geht dabei nicht um Rache oder Feindseligkeit. Es ist Nationalstolz nach 150 Jahren kollektiver Demütigung. Dominik bestätigt den Trend aus der Schweiz: Mitarbeiter in seiner Firma sprechen plötzlich von BYD und Xpeng statt von BMW und Mercedes. Vor wenigen Jahren war das undenkbar.
Spätrömische Dekadenz versus chinesischer Hunger
Philip bringt es auf den Punkt: Während China „dialed in" ist, voll auf Fokus und Vorwärtsbewegung, diskutiert Deutschland über die Vier-Tage-Woche, den Fünf-Stunden-Tag und jährliche Geschlechtsänderungen. Frank Sieren reagiert pragmatisch:
Ich habe nichts gegen Chillen. Man muss es sich halt leisten können.
Die Wolfsburger Jahresgehälter am Band waren schön – aber wenn der Wettbewerber das gleiche Produkt billiger und genauso gut herstellt, ist es vorbei. Da gibt es keine Ausflucht und kein Gejammer. Sieren warnt eindringlich: Je länger Deutschland mit Reformen wartet, desto kleiner wird der Spielraum. Im schlimmsten Fall wird Europa zum Freizeitpark für erschöpfte Asiaten, die sich von ihrer harten Arbeit hier erholen.
Und der Wettbewerb wird nicht weniger. Vietnam wächst mit 8,5 Prozent, Indien rappelt sich auf. Wer glaubt, das durch „Bashing" und Abschottung ausbremsen zu können, begeht einen fatalen Fehler.
Warum Bashing nach hinten losgeht
Das Beispiel Trump zeigt es deutlich: Handelshemmnisse und Chipverbote haben Chinas Handelsbilanzüberschuss nicht geschrumpft – er wächst. Die Chinesen strengen sich noch mehr an, verschieben Handelsströme in den globalen Süden und arbeiten darauf hin, den US-Anteil am chinesischen Handel auf 5 bis 6 Prozent zu drücken. Ab diesem Punkt könnten sie den Spieß umdrehen:
Dieses Jahr haben wir leider keine Fernseher mehr für euch und keine Smartphones, weil wir die alle an unsere Freunde im globalen Süden verkauft haben. Vor Weihnachten gibt's nichts mehr.
Bei den Chips ist die Lage ähnlich differenziert: Die besten Einzelchips baut immer noch Nvidia. Aber Huawei ist bei der Vernetzung von Chips bereits 60-mal schneller als Nvidia-Cluster. Die Chinesen erfinden einfach neue Parameter, wenn ihnen der Zugang zu bestehenden versperrt wird.
Die verlorene Kunst der Diplomatie
Was Helmut Schmidt reflektiv und Helmut Kohl intuitiv verstanden haben – die Bedeutung Chinas und die Notwendigkeit, auch mit Gegnern zu reden – ist unter der Regierung Scholz verloren gegangen. Sieren beschreibt einen erschreckenden Zustand: Das deutsche und das chinesische Wirtschaftsministerium hatten unter der Ampel keine direkten Gesprächskanäle mehr. Die zweit- und drittgrößte Volkswirtschaft der Welt – ohne Draht zueinander.
Schmidts NATO-Doppelbeschluss – nachrüsten, um zu verhandeln – findet in der heutigen politischen Diskussion nicht mehr statt. Stattdessen: Sanktionen gegen Russland, an denen 170 von 195 Ländern gar nicht teilnehmen, und die trotzige Weigerung, zu verhandeln.
Das Treffen von Außenminister Wadephul mit Lawrow ging bezeichnend schief. Lawrow sagte öffentlich, Wadephul habe nur von seinem Zettel abgelesen. Dass er das überhaupt öffentlich so formuliert, ist die eigentliche Botschaft: Deutschland wird nicht mehr ernst genommen.
Taiwan, Iran und die Stunde der Diplomatie
Zum Thema Taiwan gibt Sieren überraschende Entwarnung: Eine militärische Invasion wäre erstens logistisch schwierig, zweitens würde ein zerstörtes Taiwan eine Weltwirtschaftskrise auslösen, die weder Trump noch Xi politisch überleben würden. China hat dafür schlicht keinen Grund – mit Rekord-Handelsbilanzüberschüssen, geringer Inflation und kaum Auslandsschulden steht das Land stabil da.
Trump hat zusätzlich Druck herausgenommen, indem er die Ein-China-Politik bekräftigte. Die Taiwanesen selbst haben mit einem unabhängigkeitsorientierten Präsidenten und einem kooperationsorientierten Parlament ein kluges Gleichgewicht geschaffen.
Je weiter man von Taiwan weg ist, desto größer wird die Kriegsangst.
Beim Iran hat Trump dagegen unterschätzt, wie fest das Land im globalen Netzwerk verankert ist – über BRICS, die Shanghai Cooperation Organization und eine von China gebaute Eisenbahnlinie, die den Iran sowohl versorgt als auch energiepolitisch absichert. Der Militärschlag war von vornherein zum Scheitern verurteilt.
KI: Ein Kopf-an-Kopf-Rennen
Wer führt das KI-Rennen? Sieren sieht ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen. In manchen Bereichen führen die Chinesen, in anderen die Amerikaner. Chinas Stärke: mit deutlich weniger Geld und Personal ähnlich gute Ergebnisse erzielen – und diese dann als Open Source anbieten, was die Geschäftsmodelle der US-Konzerne unter Druck setzt.
Wenn Silicon-Valley-Größen wie Sam Altman oder Bill Gates vor KI warnen und Regulierung fordern, steckt möglicherweise auch ein strategisches Kalkül dahinter: den chinesischen Wettbewerber ausbremsen. Die Chinesen haben jedenfalls klar gesagt, dass sie die KI-Entwicklung nicht bremsen werden.
Das Märchen vom Social Credit System
Dominik konfrontiert Sieren mit einem im Westen weit verbreiteten Narrativ: dem allumfassenden chinesischen Social Credit System, das jeden Bürger überwacht und bestraft. Die Antwort ist ernüchternd für alle, die dieses Bild pflegen:
Das Kreditsystem gibt es in der Form nicht. Es gab Versuche, aber die haben sich nicht durchgesetzt.
Was es gibt, ist ein hohes Maß an Überwachung im öffentlichen Raum – mit Vor- und Nachteilen. Frauen und Kinder können zu jeder Tages- und Nachtzeit sicher auf der Straße sein. Politische Dissidenten können lückenlos überwacht werden. Das Internet ist zensiert – aber rund 300 Millionen Chinesen nutzen VPNs, um die Zensur zu umgehen. Sieren selbst spricht frei aus China heraus im Podcast.
Die pikante Parallele: Während der Westen China für seine Überwachung kritisiert, implementiert die EU gerade den Digital Services Act und eine digitale ID für alle Mitgliedsstaaten ab Januar 2027.
Was China besser macht – und was Deutschland daraus lernen kann
Sieren plädiert ausdrücklich nicht dafür, das chinesische System zu kopieren. Aber er fordert, von China zu lernen, ohne die Demokratie zu opfern:
- Regulierung nach Innovation, nicht davor: In China entstehen neue Branchen zuerst ohne Regeln. 130 Autohersteller durften loslaufen. Erst als Innovationen da waren, kam der Staat mit Spielregeln.
- Mitbestimmung mit Verfallsdatum: Zwei Jahre darf jeder mitreden. Dann fällt der Hammer – und wenn dann noch ein Frosch gefunden wird, ist es zu spät.
- Politiker an Ergebnissen messen: Was tun sie konkret für die Wirtschaft? Das ist nicht undemokratisch.
- Gemeinschaft vor Ego: Die Balance zwischen Individuum und Gemeinschaft muss sich in Europa ein Stück Richtung Gemeinschaft verschieben – so wie China ein Stück Richtung Individuum gehen muss.
Sieren erzählt von Unternehmen, die ihn um Rat fragen. Er stellt zwei simple Fragen: Seid ihr billiger als die Chinesen? Seid ihr besser? Nach einem 20-minütigen Vortrag über Tradition und Best Practice kommt in der Regel die Doppelantwort: zweimal Nein.
Und dann wissen Sie, Sie haben ein Problem.
Die Adligen und die Emporkömmlinge
Sierens historische Analogie bringt die Lage auf den Punkt: Im 19. Jahrhundert gab es schlaue Adlige, die sich mit den aufsteigenden Bürgern zusammentaten, Fabriken gründeten und Banken aufmachten. Und es gab bornierte Adlige, die auf ihren Latifundien sitzen blieben und sagten: Das sind Emporkömmlinge, mit denen wollen wir nichts zu tun haben. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessierte sich dann nur noch die Bunte für sie.
Europa steht genau vor dieser Wahl. Wirtschaftliche Stärke ist keine Frage des Luxus – sie ist die Eintrittskarte an den globalen Verhandlungstisch. Wer wirtschaftlich irrelevant wird, wird auch bei der Gestaltung der Werte einer neuen Weltordnung nicht gefragt. Und genau das haben europäische Politiker noch nicht begriffen: Sie halten die Werte hoch, während sie zulassen, dass die wirtschaftliche Basis darunter wegbröckelt.
