Zion-Isten, EZB & Kalergi: Welche Geheimcodes der Verfassungsschutz beobachtet! Hopf & Kettner #30
31. Mai 2026 · Philip Hopf & Dominik Kettner
Darum geht's in dieser Folge
- Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hat eine Broschüre mit angeblichen Geheimcodes der rechtsextremen Szene veröffentlicht – Hopf und Kettner gehen die Liste gemeinsam durch und versuchen, die Bedeutungen zu erraten.
- Alltägliche Begriffe wie EZB, Hochfinanz, Ostküste oder Drahtzieher werden in der Liste als antisemitische Chiffren eingestuft – die beiden hinterfragen, wie alltagstaugliche Sprache dadurch unter Generalverdacht gestellt wird.
- Auch Namen wie Bill Gates (als „Gates Bill"), Klaus Schwab (als „Schwab Klaus") und die Warburg-Bankiersfamilie tauchen als Codes auf, obwohl die genannten Personen teils nicht einmal jüdisch sind.
- Der Kalergi-Plan und der Morgenthau-Plan werden als Verschwörungserzählungen gelistet – Kettner und Hopf diskutieren, inwieweit historisch dokumentierte Vorgänge dadurch pauschal als rechtsextrem delegitimiert werden.
- Beide kritisieren eine zunehmende Vermischung von „rechts" und „rechtsextrem" im öffentlichen Diskurs und sehen in der Begriffsliste die Gefahr, dass normale Gespräche durch selektive Interpretation kriminalisiert werden könnten.
- Zum Schluss kündigen sie eine mögliche Folge über die Antifa an – inklusive des bekannten Clips, in dem Vizekanzler Robert Habeck seine frühere Antifa-Aktivität erwähnt.
Wenn die Europäische Zentralbank zum Geheimcode wird
Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat eine Broschüre veröffentlicht, die angebliche Geheimcodes von Rechtsextremisten entschlüsseln soll. Philip und Dominik haben die vollständige Liste ins Studio mitgebracht – ohne sie vorher gelesen zu haben – und arbeiten sich Begriff für Begriff durch. Was dabei zutage kommt, schwankt zwischen nachvollziehbar und völlig absurd.
Von EZB bis Spinne: Die Codes im Realitätscheck
Los geht es mit „109/110" – ein Code, den keiner der beiden auch nur annähernd entschlüsseln kann. Die Auflösung: Die Behauptung, Juden seien aus 109 Ländern vertrieben worden, 110 als offene Drohung. Schon beim ersten Begriff wird klar: Hier wird es skurril.
Dann der Hammer: Die Europäische Zentralbank (EZB) steht auf der Liste. Nicht als getarnter Begriff, nicht als Abkürzung für etwas anderes – die EZB selbst. Laut BfV eine „Institution, die als Spielball einer jüdischen Hintergrundmacht dargestellt wird." Dominik, der ein ganzes Buch über den digitalen Euro geschrieben hat, stellt trocken fest: Damit wäre er mit seinem Buch offiziell auf der Liste.
Was musst du eigentlich geraucht haben, um hinter allem und jedem irgendwie den Geheimcode zu erwarten?
Weitere Begriffe, die es auf die Liste geschafft haben:
- „Gates Bill" (Bill Gates umgedreht) – Name als Chiffre für antisemitische Stereotype, obwohl Gates nicht einmal jüdisch ist
- „Drahtzieher" – Metapher für angebliche jüdische Hintergrundmacht. Ein Wort, das täglich in den Medien verwendet wird
- „Hochfinanz" – Code für angebliche jüdische Kontrolle über das globale Finanzsystem
- „Ostküste" – ein geografischer Begriff, der als Code für den angeblich jüdisch kontrollierten Finanzstandort New York gelten soll
- „Spinne" – antisemitisches Motiv
- „Krebs" – ein rechtsextremer antisemitischer Code. Dominik hat öffentlich über seine eigene Krebserkrankung gesprochen
- „Pest" – Gleichsetzung mit tödlicher Seuche
- „Satanist" – Vorwurf des Satanismus als Code für metaphysische Verdorbenheit der Juden
- „Schwab Klaus" – der WEF-Gründer als Chiffre für antisemitische Stereotype, obwohl dessen Vater sogar in NS-Uniform fotografiert wurde
- „Rotes Dreieck" – Hamas-Zielmarkierung und direkte Gewaltdrohung gegen pro-israelische Personen
- „Flöhe" – jüdische Menschen als lästige Parasiten
- „Maske fallen lassen" – Code für die Entlarvung einer angeblich böswilligen jüdischen Macht
Das Zionisten-Paradox
Besonders absurd wird es beim Begriff „Zionisten", der laut BfV ein „herabwürdigender Code für Israelis oder Juden allgemein" sein soll. Philip und Dominik blenden Matthias Döpfner ein, der beim Jewish World Congress sich selbst als „proud Zionist" bezeichnete. Die Frage drängt sich auf: Wenn Juden den Begriff selbst verwenden – wie kann er dann ein antisemitischer Geheimcode sein?
Da wird zweierlei Recht angewandt. Wenn der das sagt, ist es in Ordnung. Aber wenn jemand anderes das sagt, dann vermuten wir einen bösen Hintergrund.
Ähnlich verhält es sich mit „US-Israel" – laut Liste ein Code für jüdische Kontrolle über die USA. Philip merkt an, dass die größten Podcaster der Welt – Tucker Carlson, Joe Rogan, Russell Brand – den enormen gegenseitigen Einfluss beider Länder offen thematisieren. Netanjahu saß nach der Inauguration mit Trump beim Abendessen, an Silvester waren sie zusammen. Der Einfluss Israels auf die US-Iranpolitik? Das würde vermutlich nicht einmal Trump abstreiten.
Kalergi, Morgenthau und die historische Dimension
Zwei historische Begriffe auf der Liste verdienen besondere Aufmerksamkeit. Der Kalergi-Plan beschreibt die in den 1920er Jahren aufgestellte Behauptung, Europa solle mit so vielen Migranten geflutet werden, dass die einheimische Bevölkerung durch Vermischung langfristig verschwindet – der sogenannte „Bevölkerungsaustausch". Dominik fragt sarkastisch, ob man irgendwo Masseneinwanderung beobachten könne, die in diese Richtung deuten würde.
Der Morgenthau-Plan wird auf der BfV-Liste als „angeblich nie umgesetzter US-Entwurf von 1944, als jüdischer Racheplan gegen Deutschland umgedeutet" beschrieben. Philip googelt live im Studio: Der Plan des US-Finanzministers Henry Morgenthau sah die totale Deindustrialisierung Deutschlands, die Umwandlung in einen Agrarstaat und die Aufteilung in zwei Staaten vor. Selbst Roosevelts eigener Außenminister Cordell Hull bezeichnete ihn als „Plan blinder Rache". Professor Dr. Max Otte, Princeton-Absolvent und anerkannter Volkswirt, hatte erst am Vortag in einem Interview mit Dominik darüber gesprochen.
Warburg und der Schutzmantel der Delegitimierung
Auch die Warburg-Bank steht auf der Liste – als „jüdische Bankiersfamilie, Code für angebliche Kontrolle der Weltwirtschaft, unter anderem Federal Reserve." Philip verweist auf das Buch „Die Kreatur von Jekyll Island", das die Gründung der Federal Reserve dokumentiert. Dass bestimmte Bankiers nachweislich an diesem historischen Treffen teilnahmen, ist geschichtlich belegt.
Da wird ein Teil der Wahrheit, die da drin steckt, entkräftet. Das wirkt so ein bisschen wie ein Schutzmantel. Alles, was in diese Richtung geht, vielleicht sogar ein Stück weit wahr ist, wird sofort entkräftet und mit den Begriffen eigentlich geschützt.
Der Antisemitismusbeauftragte auf der Antisemitenliste
Am Rande erwähnen Philip und Dominik den baden-württembergischen Antisemitismusbeauftragten Dr. Michael Blume, der selbst auf der Top-10-Liste der größten Antisemiten des Simon-Wiesenthal-Instituts geführt wurde. Dominik kommentiert trocken: Was für eine Leistung man als Antisemitismusbeauftragter erbringen muss, um auf dieser Liste zu landen.
Die eigentliche Gefahr: Konstruierbarkeit
Das zentrale Problem, das Philip und Dominik identifizieren, ist die Konstruierbarkeit. Wenn Wörter wie „Krebs", „Pest", „Elite", „Hochfinanz", „Großkapitalist" oder „Maske fallen lassen" auf einer solchen Liste stehen, kann praktisch jedes Gespräch zu einer rechtsextremen Unterhaltung umgedeutet werden. Dominik rechnet vor: Schreib in einem Chat „WEF", „Klaus Schwab", „Israel" – und die Alarmleuchten gehen an.
Philip sieht eine grundlegende Ironie: Wer davon ausgeht, dass hinter jedem Alltagsbegriff ein Geheimcode steckt, tut genau das, was er den Verschwörungstheoretikern vorwirft – hinter allem eine verborgene Macht zu vermuten.
Die Vermischung von tatsächlich in extremistischen Kreisen genutzten Codes mit alltäglichen Begriffen hat aus Sicht der beiden einen klaren Effekt: Sprache wird unbrauchbar gemacht, Kritik an realen Machtstrukturen wird delegitimiert, und aus jedem Gesprächspartner lässt sich bei Bedarf ein Verdachtsfall konstruieren. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, macht seinen eigenen Wortschatz verdächtig.
